„Wir werden in die Heimat zurückkehren, um zu heiraten, meine Prinzessin.“ Das heißt, ich würde tatsächlich heiraten? Er? Plötzlich erinnerte ich mich an all die mädchenhaften Fantasien, die ich in der Vergangenheit gehabt hatte, bevor ich wusste, wer ich war und was von mir erwartet wurde – Tagträume, die ich sicher war, dass sie durch die Liebe meiner Eltern zueinander Wirklichkeit werden würden. Kein einziges Mal hatte ich in den Träumen jenes kleinen Mädchens eine Heiratsanfrage eingeschlossen, die auch nur im Geringsten real sein würde. Weder, dass die Anfrage an einem Tisch voller Fremder gestellt würde, von denen die Hälfte mich tot sehen wollte. Und diese Träume enthielten auf keinen Fall diejenige, die vermutlich die schlimmste – und wahrscheinlich die paranoischste – Heiratsanfrage war, von einem Mann, der mich momentan gefangen hielt. Vielleicht hatte ich eine Gehirnerkrankung. Vielleicht hatte ich Halluzinationen aufgrund von Stress. Schließlich hatte ich so viele schmerzhafte Todesfälle verarbeiten müssen. Mich mit Verrat auseinandersetzen müssen. Und gerade erst hatte ich erfahren, dass ich aus Atlantis stammte, einem Königreich, das, als ich älter wurde, mich glauben ließ, es sei die Quelle aller Übel und Tragödien des Landes. Die Halluzinationen aufgrund von Stress schienen eine viel glaubwürdigere Erklärung für das zu sein, was mir tatsächlich widerfuhr.
Das Einzige, was ich tun konnte, war, auf die größte Hand zu schauen, die meine kleine hielt. Seine Haut war deutlich dunkler als meine, sonnengebräunt. Nach so vielen Jahren des Schwerttrainings waren seine Handflächen von Schwielen bedeckt. Er hob meine Hand hoch und brachte sie vor seinen Mund, der unverschämt schön geformt und voll war. Lippen, die zwar zart, aber auch unerbittlich hart waren. Lippen, die schöne Worte hervorgebracht und heiße, listige Versprechen auf meine nackte Haut geflüstert hatten. Lippen, die meinem Körper und Gesicht, das voll war von unzähligen Narben, Ehre erwiesen hatten. Lippen, die auch blutverschmierte Lügen ausgesprochen hatten. Jetzt berührte genau dieses Maul die Oberseite meiner Handfläche in einer Geste, die ich vor wenigen Tagen oder Wochen ewig geliebt hätte und die ich als äußerst zärtlich empfunden hätte. Einfache Dinge wie die Hand eines anderen zu halten oder unschuldige Küsse waren für mich verboten. Ebenso, begehrenswert zu sein oder Leidenschaft zu empfinden. Ich hatte längst akzeptiert, dass ich solche Erfahrungen niemals machen würde.
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!